John von Düffels Drama "Ich, Heinz Erhardt"

Kritik zu der Hommage an den Komödianten am Theater Oldenburg

14.11.2009 Nicole Korzonnek

Was nicht passt, wird passend gemacht: John von Düffel klöppelt sich eine oberflächliche Hommage an Heinz Erhardt für die Theater in Pforzheim und Oldenburg zusammen.

Groß wird im Programmheft des Staatstheaters Oldenburg die Uraufführung von John von Düffels neuem Stück „Ich, Heinz Erhardt“ angepriesen, doch ist es, streng genommen, lediglich eine Premiere. Schließlich ist die Inszenierung des Dramas eine Koproduktion mit dem Theater Pforzheim, wo bereits einen Monat zuvor, nämlich am 17. Oktober 2009, die tatsächliche Uraufführung stattfand. Bei solchen Ungenauigkeiten fängt es an. Oder hört es auf. Je nachdem, von welchem Ende man denn nun an die Sache herangehen möchte. Dabei sollte man am Theater doch eigentlich auf unterhaltende Präzision setzen, mit einem Text und einer Inszenierung mögliche Fragen des Publikums beantworten, eben etwas zeigen, das Hand und Fuß hat.

„Ich, Heinz Erhardt“: Dramatisiertes Zitate-Konglomerat

Unterhaltsam ist die Hommage „Ich, Heinz Erhardt“ - gar keine Frage. Schließlich wimmelt es hier vor Erhardt-Zitaten und Reimen in Worten und bewegten Bildern, die mit dem allseits bekannten und beliebtem „Noch’n Gedicht“ großspurig angekündigt werden, und über die man auch noch heute schmunzeln, wenn nicht gar lachen kann. Und genau da liegt der Hund letztlich begraben: Heinz Erhardts tollpatschige Kalauer und Dichter-Attacken amüsieren immer wieder, doch die knalligen Pointen des John von Düffels, die zwischen all den Zitaten des großen Komödianten eingestreut werden, verpuffen bereits nach dem ersten Mal. Das ist wie ein Wort-Sylvester mit lauter humoristischen Blindgängern. Da hilft es auch nicht viel, dass sich der Schauspieler Murat Yeginer als Ahmet in seinem Klischee beladenen Türkenkostüm inklusive rutschend roter Bauchbinde und dem obligatorischen rosa Strick-Käppie von Herzen um einen gewissen Erhardt-Charme auf der Bühne bemüht.

Heinz Erhardt als vorbildlicher Türke

Moment einmal! Was hat denn bitteschön ein Türke mit Heinz Erhardt zu schaffen? Diese Frage ist berechtigt, stellt sie doch den großen Logik-Knackpunkt in von Düffels Bühnenstück da. Einfach nur aus dem Leben des Komikers zu erzählen, seine lustigen sowie traurigen Seiten zu beleuchten, ist als abendfüllendes Theaterprogramm ja doch etwas lasch. Ein Aufhänger muss also her. Warum aber nur einen, wenn man auch zwei haben kann? Doppelt hält ja schließlich besser. Deswegen lässt John von Düffel seinen Ahmet einen Vortrag am Goethe Institut in Istanbul halten, um auswanderungswilligen Türken (also in diesem Falle dem Publikum) zu erklären, wie man sich denn nun in Deutschland am besten anpassen kann. Das Assimilationsvorbild schlechthin: Heinz Erhardt. Und dann setzt dieser Ahmet noch einen drauf und behauptet, dass er der Sohn des Komikers ist. Heinz Erhardt, ein Türke? Diese Unterstellung findet selbst Christoph Iacono, der Mann am Klavier, der später dann auch das sizilianische Türkenimitat Üzgür mit seinen schon unterirdisch schlechten Schauspielfähigkeiten gibt.

Verwirrendes Kulturchaos

An dieser Stelle ist man dann vollkommen irritiert. Was soll das denn alles nun? Warum wird da zur Zeiten der Wirtschaftskrise das deutsche Wirtschaftswunder der 50er und 60er Jahre mit dessen Paradebeispiel Heinz Erhardt angepriesen, den man gefälligst nachmachen soll, wenn man als Türke ein erfolgreicher Deutscher werden will? John von Düffel verwendet hier den Holzhammer, und versucht zusammenzuführen, was sich nicht vergleichen lässt. Während des Wirtschaftswunders kamen viele Italiener als Gastarbeiter ins Land, heute sind es eben die Türken. Deswegen werden kurzerhand italienisch anmutende Schlager wie die „Capri-Fischer“ oder „Sag mir quando, sag mir wann“ mit türkisch angehauchten Texten ohne Sinn und Verstand assimiliert. Und Erhardt kam dann eben aus Anatolien und nicht aus Riga. Dieses Geschichts- und Faktenchaos wird leider auch nicht durch die Regie von Ingo Putz aufgeklärt, der den Ahmet lediglich durch Gesten und Bildersprache den Text unterstreichen lässt, und zu allem Überfluss seiner Ausstatterin Britta Langanke erlaubt, ein klassisches 50er Jahre Szenario inklusive grau gemusterter Tapete am Klavier mit Plastikblümchen, Kofferradio und Bilderrahmen obendrauf auf die Bühne zu stellen. Wo spielt das Stück denn nun ganz genau? Im Hier und Jetzt oder doch anno dazumal? Man weiß es nicht genau. Kann es nicht sehen, ja nicht einmal erahnen.

Forcierte Generationenkluft

Und so ersäuft die kurzweilige aber brillante Unterhaltung eines Heinz Erhardt in einem Meer von oberflächlichen Ungenauigkeiten. Hauptsache, man bekommt einen schnellen Lacher. Doch das hört sich jetzt einfacher an als es ist, denn schließlich sind die Witze in einer Zeit verankert, die vor allem dem jüngeren Publikum im Staatstheater Oldenburg völlig fremd ist. Lediglich die älteren unter ihnen dürfen ihren nostalgischen Erinnerungen ans wirtschaftswunderliche Deutschland der Nachkriegszeit nachhängen und darin wohlig versinken, während sie dann aber wiederum mit den aktuellen kulturellen Bezügen zur Türkei nichts anfangen können.

Vielschreiber John von Düffel

Was bleibt, ist alles und doch nichts: Eine Hommage, die eigentlich nur eine Zitatensammlung ist, eine Reise in die Vergangenheit ohne Grund, ein Zeitbezug, der unlogischer nicht sein könnte. Darf man das John von Düffel jetzt übel nehmen? Schließlich ist er dieses Jahr als Dramatiker ja sehr gefragt, wirft ein Stück nach dem nächsten auf die Bühnen der Republik. Bei solch einer Vielschreiberei geht der Tiefgang und die Nachvollziehbarkeit eben schnell einmal verloren. Aber genau das braucht das Theater doch, um sich vom restlichen seichten Mediengewäsch abzusetzen. Frei nach dem Motto „weniger ist mehr“ kann man dem Dramatiker da nur zurufen: Bitte weniger schreiben, aber dafür mehr logisch Denken!

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Murat Yeginer als Ahmet, Andreas J. Etter Murat Yeginer als Ahmet
Murat Yeginer als Ahmet, Andreas J. Etter Murat Yeginer als Ahmet
 
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